Die Vergangenheit Ist Noch Nicht Vorbei

Februar 1945 – Während der Krieg in den letzten Zügen liegt, schafft das Naziregime in Berlin sämtliche Gold- und Bargeldreserven der Reichsbank in die Salzminen von Merkers. Aber ein Teil des Goldes verschwindet unauffindbar.

September 2017 – In Deutschland tobt ein heftiger Wahlkampf. Rechtsextreme Nationalisten, die mit einem der Hauptkandidaten für das Kanzleramt in Verbindung stehen, verbreiten Terror auf den Straßen und töten wahllos.Decker wird von der Bundeskanzlerin beauftragt, die Gewalt zu stoppen. Niemand ahnt, dass das vermisste Gold der Reichsbank zusammen mit einem verloren geglaubten Nazirelikt den Funken zündet, der Berlin hochgehen lässt wie ein Pulverfass.

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An einem kalten Novembermorgen im Jahre 1923 entschieden Adolf Hitler und General Erich Ludendorff, zur Feldherrenhalle zu marschieren. 

Ihr Handlungsspielraum schrumpfte rapide. Der Versuch der gewaltsamen Machtergreifung stand auf wackeligen Beinen und drohte vollends zu scheitern. Nachdem sie den Bürgerbräukeller gestürmt und die dreitausend Gäste als Geiseln genommen hatten, konnten sie endlich den Generalstaatskommissar Gustav von Kahr und seine Anhänger auf ihre Seite bringen. 

Nicht, dass die eine Wahl gehabt hätten. Hitler hatte eine Rede gehalten, durch die er die Unterstützung gerade der Menge bekam, die er als Geiseln hielt. Aber just als er dachte, er wäre mit seinem Putschversuch erfolgreich, hatte Hitler den Bierkeller verlassen. Von da an war alles rapide den Bach runter gegangen. Von Kahr und seine Freunde wurden schließlich freigelassen und die Verwirrung gab ihnen Zeit, sich zu sammeln. 

Jetzt, am darauffolgenden Morgen, mit dem Versagen vor Augen, wurde Hitler klar, dass sie etwas Radikales tun mussten, um wieder Fahrt aufzunehmen. Das war der Zeitpunkt, an dem Ludendorff verkündete, sie würden marschieren. Mit zweitausend Nazis zum bayerischen Wehrkreiskommando, ohne genau zu wissen, was sie tun würden, wenn sie dort ankamen. 

„Warum zum Teufel hast du gestern Abend von Kahr und seiner Männer freigelassen?”, zischte Hitler Ludendorff zu, als er sicher war, dass niemand zuhörte. 

„Du hast dich aus dem Staub gemacht, Adolf, hattest wohl was Besseres vor.“ Ludendorff zuckte mit den Schultern. „Irgendjemand musste ja eine Entscheidung treffen.“

„Wenn das deine Entscheidung war“, erklärte Hitler, „dann muss ich wohl ernsthaft anfangen, deine Fähigkeiten in Frage zu stellen.“

„Ich kann jederzeit gehen, Adolf“, sagte Ludendorff leichtherzig. „Weißt du noch? Du brauchst mich mehr als ich dich.“

Was stimmte. Hitler benutzte Ludendorffs legendären Status als Befehlshaber im ersten Weltkrieg, um Prestige und Glaubwürdigkeit zu erlangen. Ludendorff jetzt zu verlieren wäre der letzte Nagel an seinem Sarg. 

„Also, was schlägst du vor, General Ludendorff?“, fragte Hitler mit zusammengebissenen Zähnen.

„Nun, das ist einfach. Wir marschieren natürlich.“

„Natürlich“, sagte Hitler sarkastisch, „marschieren. Warum habe ich da nicht dran gedacht?“

Der Marsch begann mit Fahnenträgern vorneweg. Hinter ihnen gingen Hitler, Ludendorff, Alfred Rosenberg und Max Erwin von Scheubner-Richter, der sich bei Hitler untergehakt hatte. Ihnen folgten weitere Anhänger sowie die Nazi Braunhemden, die von Ernst Röhm angeführt wurden. 

Die Dinge ließen sich zunächst ganz gut an. Die Einwohner Münchens standen am Straßenrand und sahen zu, was Hitler als gutes Zeichen wertete. Wenigstens protestierten sie nicht. Aber gerade als er dachte, er könnte den Sieg aus dem Rachen der Niederlage noch an sich reißen, kamen sie am Odeonsplatz an. Dort warteten über einhundert bewaffnete Soldaten auf sie – und sie waren definitiv nicht auf ihrer Seite. 

Die Marschierenden hielten an. Einen Moment lang herrschte Stillstand, während beide Seiten sich gegenseitig abschätzten. Dann fiel ein Schuss. 

Niemand wusste, wer diesen Schuss abgefeuert hatte. Aber er verursachte die folgenden Gefechte. Kugeln wurden abgefeuert und Menschen fielen. Vier Polizisten und sechzehn Nazis wurden letztendlich getötet, inklusive Scheubner-Richter. 

Hitler war jedoch nirgends zu finden. Er war weggelaufen. 

* * *

Merkers – Februar 1945

Die lange Reihe von Lastwagen fuhr langsam und vorsichtig die schmale, unebene Straße entlang. Aufgrund des Blackouts war es unmöglich, die Scheinwerfer einzuschalten, also konnten sie nicht sehr schnell durch die pechschwarze Dunkelheit fahren. Jeden Moment konnten die Bomber der Alliierten auftauchen, die den Luftraum jetzt vollständig kontrollierten, und beim schwächsten Flackern eines Lichts ihre tödliche Ladung abwerfen. Wenn man bedachte, was sich auf den Ladeflächen der Laster befand, wäre es ein vollkommenes Desaster, wenn sie wahllos bombardiert würden. 

Der vorderste Laster wurde von einem Unteroffizier gelenkt. Er war erst in den Zwanzigern, aber der Krieg hatte ihn stark altern lassen, so dass er fast doppelt so alt aussah. Er wirkte dauerhaft erschöpft und desillusioniert, und Dreck bedeckte sein gesamtes Gesicht und die Kleidung. Die verlodderte Erscheinung wurde durch einen einwöchigen Bartwuchs komplettiert. Er hatte seit einiger Zeit seine Uniform nicht gewechselt, aber das stumpfe, verbeulte, schwarze Eiserne Kreuz an seinem Hemd schaffte es noch immer eindrucksvoll, den Mut des Mannes, den er in Russland bewiesen hatte, zur Schau zu stellen. 

Der SS Offizier auf dem Beifahrersitz, SS Sturmbandführer Bruno Eckers, rümpfte angewidert die Nase, als der Geruch der Kleidung des Unteroffiziers in seine Nase drang. Trotzdem entschied er, dass es weise war, nichts zu sagen. Beim derzeitigen Stand des Krieges würde ein vorlauter SS Offizier vermutlich Gefahr laufen, sich mit einer Kugel im Hinterkopf im Graben wiederzufinden. Er war sich nur zu sehr bewusst, wie prekär seine persönliche Situation war und wie dramatisch sich die Machtverhältnisse verschoben hatten. Früher hätte es niemand gewagt, die Autorität der SS zu hinterfragen. Jetzt würde ihn jeder Soldat in Sekundenschnelle erschießen, ohne mit der Wimper zu zucken. 

Eckers war nicht gerade glücklich, hier zu sein, aber er hatte vom Reichsführer SS Heinrich Himmler persönlich den Auftrag erhalten. Die Gold- und Bargeldreserven der Berliner Reichsbank wurden zur Sicherheit in die Salzminen in Merkers verlegt, nachdem die Bank von der US Luftwaffe bombardiert worden war. Himmler hatte spontan entschieden, dass dies die optimale Gelegenheit für die SS war, auch die unrechtmäßig erworbene Kriegsbeute wegzuschaffen. Gold, Silber, Geld, Diamanten und Inhaberschuldverschreibungen, was hauptsächlich den Gefangenen der Konzentrationslager abgenommen worden war, die all ihr Hab und Gut mit in die Lager gebracht hatten, weil sie annahmen, dort nur vorübergehend zu bleiben. Oder denen, die erfolglos versucht hatten, mit Bestechung freizukommen. 

Seit sie Berlin verlassen hatten, verfluchte Eckers Himmler dafür, dass er ihn dazu verdonnert hatte, diese verdammte Kriegsbeute zum neuen Versteck zu begleiten. Womit hatte er das verdient? Wenn er mit diesem Zeug erwischt wurde, würde er dessen Herkunft niemals erklären können und er fürchtete die Konsequenzen. Daher hatte er beschlossen, sich bei erster Gelegenheit abzusetzen, ohne dabei sein Leben zu gefährden. 

„Halten Sie hier“, brummte Eckers den Fahrer an, „wir müssen uns orientieren. Diese verdammte Dunkelheit hilft nicht gerade.“

Der Lastwagen bewegte sich langsam an den Straßenrand und hielt an. Die Räder knirschten auf dem Schotter. Eckers sprang heraus, und während die anderen Laster in der Schlange ebenfalls hielten, nahmen weitere Soldaten die Gelegenheit wahr, sich die Beine zu vertreten oder sich im Gebüsch zu erleichtern. Zwei Männer aus einem anderen Fahrzeug kamen jedoch mit missmutigen Gesichtern auf Eckers zu. 

Sie waren leitende Reichsbankangestellte, die das Geld nach Merkers begleiten sollten. Werner Veick war der leitende Kassierer der Devisenabteilung und Otto Reimer der leitende Kassierer der Reichsmarkabteilung. Beide waren extrem unglücklich, so weit von zu Hause und von ihren Familien entfernt zu sein – und obendrein noch in einer gefährlichen Kriegszone, obwohl man Berlin auch nicht gerade als sicheren Hafen bezeichnen konnte. Die Russen klopften praktisch schon an die Tür. 

„Warum haben wir angehalten, Eckers?“, wollte Reimer wissen. Seine Abneigung gegen den SS Offizier war heftig und unverhohlen. Seit sie Berlin verlassen hatten, hatte Eckers mit fester Hand die Führung übernommen. Mit seiner Arroganz und groben Unhöflichkeit hatte er sich keine Freunde gemacht. 

„Wir haben uns verfahren“, sagte Eckers direkt, „oder haben Sie das nicht bemerkt? Der Blackout hilft uns nicht gerade, unser Ziel schnell zu erreichen. Wir brauchen eine Wegbeschreibung.“ Er zeigte auf ein Haus. „Warten Sie hier bei den Lastwagen. Ich werde sehen, ob jemand zu Hause ist.“

Das Haus war dunkel, aber das bedeutete heutzutage wenig. Es war beim Blackout durchaus möglich, dass die Besitzer mit dicht zugezogenen Gardinen zu Hause saßen und beteten, dass heute Nacht nicht die Nacht war, in der ihr Heim in tausend Stücke gebombt wurde. Instinktiv schaute Eckers zum Himmel, als ob er einen Bomber in der Ferne hören könnte. 

Mit einem Kopfschütteln und einem unterdrückten Fluchen über seine Paranoia trat er an die Haustür. Währenddessen löste er die Lasche seines Pistolenholsters und legte die Hand an den Griff der Waffe. Man konnte heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Umsicht war der Grund, warum er noch lebte, im Gegensatz zu seinen Kameraden. 

„Aufmachen!“, brüllte Eckers, „Hier ist die SS. Auf Befehl des Führers, öffnen Sie diese Tür!“

Obwohl der Krieg zu Ende ging, war die SS in der Bevölkerung noch immer gefürchtet und Leute wie Eckers nutzten das schamlos aus. 

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Ein wutschnaubender Eckers wollte gerade seine Forderung wiederholen, als hinter der Tür ein Rascheln und Kratzen ertönte. Der Schlüssel wurde leise herumgedreht und die Tür einen Spalt geöffnet. Ein Paar ängstliche Augen sahen heraus, als ob sie Eckers stumm anflehten wegzugehen. 

„Keine Sorge, alte Frau“, sagte Eckers rau, „Ich will nur eine Wegbeschreibung zum Büro des Kommandanten in Merkers. Wir haben uns verfahren.“

Die Augen blickten an Eckers vorbei und sie konnte die Schlange von Lastwagen am Ende ihrer Einfahrt sehen. Sie öffnete die Tür etwas weiter und lächelte den SS Sturmbannführer zögernd an. 

„Sie haben die Abzweigung verpasst, Herr Sturmbannführer. Sie müssen umdrehen und dann die nächste rechts abbiegen. Fahren Sie weiter und Sie werden irgendwann das Schild Richtung Merkers sehen. Es ist nicht weit. Das Schild wurde aber in die entgegengesetzte Richtung gedreht, um die Amerikaner zu verwirren, also passen Sie auf, dass Sie in die richtige Richtung fahren.“

Eckers fluchte lautlos. Umdrehen? Auf dieser Straße? Hier war kaum genug Platz zum furzen, geschweige denn eine lange Schlange schwerbeladener Lastwagen zu wenden. 

Eckers murmelte der Frau ein Dankeschön zu und ging zurück zum Konvoi. „Wir müssen umdrehen. Wir haben eine Abzweigung verpasst“, sagte er zu dem Unteroffizier. 

Der trat als Antwort seine Zigarette im Schotter aus und warf Eckers einen finsteren Blick zu. Er war zu schlau, um sich aufzuregen. Das war der Grund, warum er noch am Leben war. 

Es dauerte noch fünfundvierzig Minuten, bis sie endlich das Schild Richtung Merkers erreicht hatten und weitere zehn Minuten, bis sie das abgedunkelte Büro des Kommandanten ausfindig gemacht hatten. Zwei sehr junge, nervöse Wachen standen draußen in ihren hölzernen Wachhäuschen. Beim Anblick der bedrohlichen schwarzen SS Uniform mit dem silbernen Totenkopf und Blitzen, die verlangte, den Kommandanten zu sehen, ging es ihnen nicht gerade besser. 

* * *

Oberst Hermann Dietz hatte genug vom Krieg. Er hatte in Frankreich, Norwegen und dem Großteil der russischen Kampagnen gedient. In Stalingrad hatte er ein Auge verloren, in der Schlacht um England zwei seiner Söhne, die Kampfpiloten waren. Seine Frau und sein Haus waren der Bombardierung Dresdens zum Opfer gefallen. Und zu allem Überfluss stolzierte jetzt auch noch ein SS Offizier vor ihm herum und tat so, als würde Deutschland noch gewinnen. 

Aber Dietz sah endlich das Ende des Krieges nahen und damit das Ende eines langen Albtraums. Obwohl er nichts hatte, zu dem er zurückkehren konnte, hatte er nicht vor, sein Leben dadurch wegzuwerfen, dass er zu diesem erbärmlichen Exemplar eines menschlichen Wesens unhöflich war. Außerdem war nach seinem Wissensstand ein Oberst immer noch höher gestellt als ein Sturmbannführer, selbst wenn er der SS angehörte. 

„Herr Sturmbannführer“, sagte Dietz förmlich und trat aus seinem Büro. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe einen Befehl, unterzeichnet vom Führer höchstpersönlich“, sagte Eckers und hielt ihm ein gefaltetes Dokument hin, „mit der Anweisung, die Kisten in diesen Lastwagen in  irgendwelche von den leeren Salzminen zu schaffen. Sie werden uns für diese Aufgabe Personal zur Verfügung stellen.“

Dietz untersuchte das Dokument. Die Unterschrift Hitlers bedeutete ihm nichts mehr, jetzt wo die Amerikaner kurz davor standen, den Rhein zu überqueren und Deutschland zu besetzen. Er wusste noch nicht einmal, ob die krakelige Unterschrift wirklich seine war. Der verrückte alte Mann versteckte sich doch irgendwo in Berlin und Dietz hielt hier den Ball flach, bis die Amerikaner ankamen. Es gab keine Hinweise darauf, was die Kisten enthielten und sein siebter Sinn sagte ihm, dass er es auch gar nicht wissen wollte. 

„Ich werde sehen, wen ich zusammentrommeln kann, Herr Sturmbannführer“, sagte er so höflich wie es eben ging. „Wenn Sie mich einen Moment entschuldigen wollen.“ 

Veick und Reimer lehnten beide an einem Lastwagen und beobachteten alles aufmerksam. Ihre einst blütenreinen weißen Hemden waren inzwischen grau von Schmutz und Schmiere und die manikürten Nägel abgebrochen und dreckig. Sie hatten beide schlechte Laune, während die Soldaten in den anderen Lastwagen den Auftrag mit abgeklärter Gleichgültigkeit betrachteten. Tatsache war, dass sie vermutlich froh waren, nicht an der Front zu stehen und beschossen zu werden. 

Dietz kehrte bald darauf zurück. „Sie haben Glück, Herr Sturmbannführer. Wir haben ein paar Zwangsarbeiter hier, die ins Lager transportiert werden sollten. Aber der Zug musste zum Tanken anhalten. Sie können die Arbeiter ausleihen, wenn Sie wollen.“

„Wird auch Zeit, dass wir mal etwas Glück haben“, sagte Eckers. „Schicken Sie ein paar Ihrer Männer mit dem Jeep voraus zu einer leeren Mine. Wir folgen. Und sorgen Sie dafür, dass die Zwangsarbeiter sofort dorthin gebracht werden.“

„Wie Sie wünschen, Herr Sturmbannführer.“ 

* * *

Die Mine war absolut perfekt, dachte Eckers. Sie war sauber, trocken und riesig, was bedeutete, dass die Kisten mit Gold, Geld und Wertsachen hier auf unbestimmte Zeit unentdeckt bleiben konnten. Sie war so unauffällig, dass die Leute einfach daran vorbei spazieren konnten, ohne zu wissen, dass dort überhaupt etwas war. 

Über Bomber, die das Geld zerstören könnten, mussten sie sich keine Sorgen mehr machen. Sie konnten es hier lassen und jemand konnte es später holen. Allerdings fiel es Eckers schwer zu raten, wer es später holen sollte, wenn Deutschland den Krieg verlor. Er hatte so eine böse Ahnung, dass falls jemand kam, derjenige kein Deutsch sprechen würde. 

Die Zwangsarbeiter waren eine Mischung aus Franzosen, Holländern, Belgiern, Russen und sogar einigen Deutschen, die irgendwie den Zorn der Obrigkeit auf sich gezogen hatten. Keiner von ihnen wollte dort sein. Auch sie wussten, dass der Krieg so gut wie vorbei war und Eckers hatte etwas an sich, das sie zutiefst beunruhigte. 

Eckers für seinen Teil war entschlossen, keine Zeit zu verschwenden. Er bedeutete den Soldaten näherzutreten, damit sie ihn hören konnten. 

„Die Ladung dieser Lastwagen muss abgeladen und sauber unten in der Mine gestapelt werden. Die Aufgabe ist schnellstens zu erledigen. Lassen Sie die Zwangsarbeiter helfen, die Kisten zu schleppen. Wir müssen innerhalb der nächsten paar Stunden hier weg sein. Fangen Sie an.“

Während die Soldaten und Zwangsarbeiter die schweren Kisten herunter wuchteten, stellte sich Eckers an die Seite und zündete sich eine Zigarette an, die er mit der Hand abschirmte, um das Glühen zu verbergen. Er hatte nicht vor zu helfen. Sein Rang sollte ihm wenigstens ein paar Privilegien einbringen. Veick und Reimer empfanden ebenso, während sie neben den Lastern standen und in die Gegend starrten. Sie hatten nicht vor, sich die Hände noch schmutziger zu machen, als sie sowieso schon waren. 

* * *

Schlussendlich war die Aufgabe nach etwas mehr als 90 Minuten erledigt. Die Kisten standen in ordentlichen Reihen in der Mine und sobald sie fertig waren, kletterten die Soldaten und Zwangsarbeiter müde heraus an die kühle Luft. 

Eckers drehte sich unauffällig und griff in das Führerhaus des Lasters. Das war der Teil, auf den er sich nicht freute. Himmler hatte ihm ganz sachlich gesagt, dass es bei der Sache keine Zeugen geben durfte. Dass alle, die damit zu tun hatten, liquidiert werden mussten. Aufgrund seines Ranges war er derjenige, dem diese Drecksarbeit zufiel. Es war nicht das erste Mal, dass er für das Dritte Reich getötet hatte, aber er wollte auf jeden Fall, dass es das letzte Mal war. Er war eigentlich gelernter Rechtsanwalt, kein Mörder. Er sollte das Gesetz verteidigen und es nicht brechen. 

Im Führerhaus lagen zwei Schmeisser Maschinenpistolen. Er zog eine heraus und bevor die anderen wussten, was geschah, hob Eckers die Pistole und drückte den Abzug. Die Pistole bebte in seinen Händen und eine tödliche Salve von Kugeln fand ihre Ziele. 

Soldaten fielen ebenso wie Zwangsarbeiter, ihre Brustkörbe und Köpfe blutüberströmt. Als die erste Pistole leer war, griff er schnell ins Führerhaus nach der zweiten und setzte seine grausige Tat fort. 

Veick war einer der ersten, der gefallen war, aber Reimer hatte sich hinter einen Laster retten können. Eckers sah, wie er verzweifelt zu flüchten versuchte. 

„Was zum Teufel tun Sie, Eckers?!“, schrie Reimer panisch. 

„Alle Zeugen ausschalten“, sagte Eckers, „und Sie sind ein Zeuge.“

Die Pistole brüllte wieder und Reimers Brust wurde von Kugeln durchsiebt. Er fiel krachend zu Boden, seine leeren Blicke auf die Minen gerichtet, als ob sein letzter Gedanke dem Geld gegolten hätte, das er hatte beschützen sollen. 

Als auch mit dem letzten abgerechnet war und überall Leichen herumlagen, sah Eckers sich um, ob er vielleicht noch jemanden übersehen hatte. Zufrieden, dass alle tot waren, stieg Eckers über die Leichen und ging hinunter in die dunkle Mine. 

Kurz darauf kam er mit einer der Reichsbankkisten wieder heraus. Stöhnend schleppte er sich mit dem Gewicht ab. Seine Muskeln schmerzten, während er die Kiste über den Boden schleifte, und sie auf die Ladefläche des Lasters zu wuchten, war eine Qual. Ein zweiter Gang bescherte ihm eine zweite Kiste sowie weitere fünfzehn Minuten Anstrengung, sie in den Laster zu laden. Seine Uniform war dreckig und staubig, aber ganz ehrlich: es war ihm egal. Soweit es ihn betraf, war er mit der SS fertig. Wenn er überleben wollte, durfte er mit der SS nicht in Verbindung gebracht werden. Die Tätowierung unter seinem Arm mit seiner Blutgruppe war bedauerlich, aber er hoffte, dass man ihn nicht bis auf die Unterhose durchsuchen würde. 

Er hielt inne und betrachtete den Unteroffizier, der den vordersten Laster gefahren hatte. Sie waren von etwa gleicher Größe und Statur. Spontan zog er ihm die jetzt blutige Wehrmachtsuniform aus, zog seine eigene aus und probierte die blutigen Sachen des Unteroffiziers an. Sie passten perfekt. 

Erst dann bemerkte er das Eiserne Kreuz, das auf dem Boden neben seinem toten Besitzer lag. Eckers hob es auf, untersuchte es einen Moment und steckte es sich dann an die Brust. Er hatte schon immer ein Eisernes Kreuz haben wollen. Jetzt hatte er eins. 

Mit einem letzten Blick auf die Leichen und dann den Himmel stieg er in den ersten Laster, wendete und fuhr zurück nach Merkers. 

Leider würden der Kommandant und die beiden Wachen ebenfalls dran glauben müssen. Sobald das erledigt war, wollte Eckers sich unter die anderen anonymen Truppen mischen, die auf dem Rückzug nach Westen waren und sich jemanden suchen, dem er sich ergeben konnte. 

Sein Krieg war vorbei. 

* * *

Am 22. März 1945 überquerten die amerikanischen Streitkräfte den Rhein und besetzten Deutschland. Sie entdeckten schließlich die Gold- und Bargeldreserven in den Minen und irgendwann kam sogar der Oberbefehlshaber, General Dwight D. Eisenhower, um sie sich persönlich anzusehen. 

Ihnen war nur nicht klar, dass etwas fehlte. 

* * *

Buenos Aires, Mai 1957

Er wusste, dass sie in der Nähe waren. Er konnte ihre Anwesenheit spüren. 

Der wartende Kurier zwang ihn, schnell zu schreiben, damit der Brief an seine Kameraden gehen konnte. Er zitterte, als könnte er den Tod fühlen, der sich der Tür näherte. Mit festem Griff umklammerte er den Stift, um seine bebende Hand zu beruhigen und las, was er bisher geschrieben hatte. 

Zufrieden mit dem Bisherigen dachte er einen Moment nach und fuhr dann fort. 

Ich war mein ganzes Leben lang ein treuer Nationalsozialist und niemand war trauriger als ich, als das Reich fiel. Ich habe die letzten zwölf Jahre im Exil gelebt und in ständiger Angst vor den jüdischen Attentätern über meine Schulter geschaut. Der Tag der Abrechnung ist endlich gekommen, dessen bin ich mir sicher. 

Wieder könnte ich davon laufen, aber wenn ich ehrlich bin, bin ich müde. Ursprünglich dachte ich, wegzulaufen wäre einfacher als das hier, aber es wurde zu einem zwölf Jahre währenden Albtraum. Ein Mann kann nicht beliebig viel aushalten. 

An diesem Punkt muss ich beichten und während ich dem Ende meines Lebens entgegen gehe, habe ich nun nichts mehr zu verlieren. Ich kann meine Seele offenbaren. 

Am Ende des Krieges nahm ich etwas von dem Gold aus den Reichsbankreserven in Merkers. Es würde sowieso den Russen oder Amerikanern in die Hände fallen und ich benötigte Mittel, um zu fliehen. In Anbetracht meines umfangreichen Dienstes und meiner Opfer für das Reich beschloss ich, dass mir so viel zustand. Aber aus einem Impuls heraus nahm ich noch etwas anderes. Etwas, das ich schon am Anfang nicht hätte nehmen sollen. Etwas, das mir nicht zustand. Etwas Unbezahlbares. 

Ich kann nicht erklären, warum ich es nahm. Jeden einzelnen Tag der letzten zwölf Jahre habe ich mich gefragt, was mich geritten hat, es zu nehmen. Mir ist nie eine zufriedenstellende Antwort eingefallen. 

Das Artefakt sollte der Sache umgehend wieder zugeführt werden. Es sollte zurück gebracht werden, wenn es jemals ein Viertes Reich geben soll. Denn das deutsche Volk braucht etwas, um das es sich scharen kann, wenn es die Fesseln zerreißen soll, mit denen es derzeit gebunden ist. 

Beigefügt ist ein Brief mit detaillierten Anweisungen, wo sich dieses Artefakt befindet. Es ist an einem sehr sicheren und geschützten Ort in exzellentem Zustand. Wenn ich auch sonst nichts zustande gebracht habe, so habe ich wenigstens darauf über die Jahre sehr gut Acht gegeben. 

Mein einziges Bedauern ist, dass ich das Vierte Reich nicht mehr erleben werde. Aber in meinen kühnsten Träumen kann ich mir nichts anderes vorstellen, als dass es absolut glorreich wird! 

Heil Hitler!

Bruno Eckers (SS Sturmbannführer i.R.)

Eckers legte den Stift nieder, seufzte tief und rieb sich ausgiebig das Gesicht. Joseph sollte bald hier sein, um den Brief abzuholen und ihn sicher an sein Ziel zu bringen. Dann konnte er mit reinem Gewissen in sein Grab gehen, wohlwissend, dass er seine Pflicht bis zum Schluss erfüllt und das Artefakt an seinen rechtmäßigen Platz zurückgebracht hatte. Er hätte es niemals nehmen sollen. Er nahm sein Glas mit dem letzten Rest Schnaps und trank es in einem Zug leer. Wärme breitete sich in ihm aus. 

Plötzlich war da ein Geräusch vor der Haustür. Er versteifte sich und nahm langsam eine Mauser Pistole aus der Schreibtischschublade. Möglicherweise überreagierte er. Es könnte einfach nur Joseph sein, oder ein Tier. Oder eben nicht. Sie könnten es sein.

Er legte die Hand mit der Pistole auf den Rücken. Wenn es Joseph war, wollte er dem alten Mann keinen Herzinfarkt bescheren. 

Er schlich sich ans Fenster und spähte hinaus in die Dämmerung. Draußen war nichts zu erkennen. Vielleicht war es nur ein Tier? Aber ein plötzliches Klicken hinter ihm bedeutete, dass die Hintertür gerade geöffnet worden war und er kannte kein Tier, das dazu imstande war. 

In dem Moment wusste er, dass dies wirklich das Ende war. Er würde sich niemals rechtzeitig umdrehen, die Waffe heben und feuern können. Es war vorbei. Der Brief lag noch immer auf dem Tisch. Jetzt würde er niemals sein Ziel erreichen. Er hatte in seiner letzten Pflicht versagt. 

Schicksalsergeben schloss er die Augen. 

„Heil Hitler“, murmelte er, während der israelische Mossad Scharfschütze mit einer gedämpften Pistole aus nächster Nähe zwei Schüsse in Eckers Hinterkopf feuerte. Eckers war tot, bevor er auf dem Boden aufschlug. 

Der Scharfschütze wollte gerade gehen, als er den Brief auf dem Tisch bemerkte. Ohne ihn genauer anzusehen schnappte er sich ihn, knüllte ihn zusammen und stopfte ihn in seine Tasche. Mit einem letzten Blick auf die Leiche ging er auf dem gleichen Wege, den er gekommen war. Das jüdische Volk hatte Gerechtigkeit erfahren. Jetzt hieß es, sich dem nächsten Nazi zuzuwenden, der unter irgendeinem Tisch kauerte. 

Während der Mossadagent durch die Hintertür ging, starrten ihm die blicklosen Augen von Joseph hinterher, mit schwelendem Einschlussloch mitten auf der Stirn.

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